Auf der Suche nach der verlorenen Zeit Zu Gast bei der Burschenschaft Franconia

Die Burschenschafter während der Kneipe. (Foto: Julian B.)

Die Welt der Burschenschaften ist mir fremd. Daher fühle ich mich ein bisschen wie ein britischer Soldat, der 1944 zum ersten Mal nach Deutschland reist. Im „Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944“ wird die Begegnung mit den „Deutschen“ wie folgt beschrieben: „Wenn Sie die Deutschen kennenlernen, denken Sie wahrscheinlich, dass sie uns sehr ähnlich sind. […] Aber sie sind uns nicht so ähnlich, wie es scheinen mag.“ Ich besuche die Franconia, die älteste Burschenschaft in Münster und bin gespannt, inwieweit sich die Burschenschafter von uns normalen Studierenden unterscheiden. Was für einen Eindruck werden sie vermitteln? Inwiefern sind sie politisch? Um das herauszufinden, habe ich mich mit Julian B. getroffen.

Unter Mitarbeit von Jannes Tatjes

Julian hat mich in die Himmelreichallee eingeladen, damit ich mir die Burschenschaft mal etwas genauer ansehen kann. Und ich ertappe mich dabei, wie bei mir das Wort „Reich“ lange nachklingt. Von außen sieht das Ganze erst einmal unscheinbar aus. Einzig ein gusseisernes Emblem an der Fassade und die Flagge in Franconia-Farben weisen es als Verbindungshaus aus. Julian begrüßt mich freundlich, bereits in der Tür stehend, mit festem Händedruck. Er trägt sein blaues Hemd in der Jeans, darüber die blau-weiß-rote Franconia-Schleife. Ich trete in die Eingangshalle. Es wirkt ein bisschen so wie in einem westfälischen Landgasthof: Viele Eichenmöbel, dunkle Farben und es riecht etwas muffig – nur nicht nach Schnitzel. Als Erstes fällt mir eine Gedenktafel für die gefallenen Burschenschafter der beiden Weltkriege auf. „Wieso hängt denn die Gedenktafel dort?“, frage ich und verkneife mir das „noch“. Er antwortet: „Weil wir den Gefallenen genauso gedenken, wie in Afghanistan gefallenen Soldaten auch gedacht wird.“ Und doch löst das Ganze in mir Unbehagen aus und ich erinnere mich wieder an eine Autofahrt mit einem Soldaten, der mir erzählte, dass er für Deutschland sterben würde. 

Julian zeigt mir das restliche Haus: ein kleines Fernsehzimmer, ein großer Festsaal, ein Speisesaal mit Küche – und Saal ist wirklich der richtige Ausdruck. Julian berichtet von einer eigenen Köchin, die für einen guten Preis jeden Mittag für die acht hier wohnenden Burschis kocht. Bis zu 50 ehemalige Burschen kämen zur Kneipe der Franconia. „Deshalb brauchen wir den Saal“, erklärt er mir. Wir gehen in den ersten Stock, wo die Jungs zurzeit wohnen. Die Zimmer sehen so aus, wie Zimmer von Jungs um die 20 halt aussehen. 

Akademisches Fechten gehört zur Tradition der Franconia
Akademisches Fechten gehört zur Tradition der Franconia. (Foto: Julian B.)

Spannend wird es erst wieder auf dem Dachboden. Die Franconia ist eine schlagende Verbindung. Das heißt, wenn man in den Bund eintritt, muss man auch fechten. Es hängen mehrere Übungsdegen an der Wand. Eine Art Dummy steht bereit, um an ihm zu üben. Aber es wird auch gegeneinander gefochten. Gekämpft wird mit Visieren – solange bis einer es schafft dem anderen mit dem Korbschläger (Anm. d. Red.: eine Art vorne abgerundeter Degen) auf den Kopf zu schlagen. In der letzten „Prüfung“ der Mensur wird ohne Visier gekämpft. Ein hängendes Schild in altdeutscher Schrift an der Wand erklärt das Fechten: „Die Mensur ist ein bewährtes Erziehungsmittel. Sie hält laue und charakterschwache Naturen von uns fern.“ „Muss das denn heute wirklich noch sein?“, frage ich Julian. Er begründet die Tradition wie folgt: „Wer einmal die Mensur bestritten hat, dem scheint jede andere Herausforderung im Leben lächerlich.“ Ich nehme darauf den Übungsdegen in die Hand, wedel ein bisschen damit herum und stelle mir vor, wie in diesem Raum gegeneinander gefochten wird: Ich finde es irgendwie lächerlich. Auf der Homepage der Franconia heißt es: „Wir fechten Mensuren, um zu zeigen, dass wir zu unseren Idealen tatsächlich stehen und uns nicht mit bloßen Lippenbekenntnissen begnügen.“ Und ich denke das erste Mal, vielleicht ist man hier ja auf der Suche nach einer verlorenen Zeit. Es klingt nach einer Zeit, die nicht einmal meine Großeltern erlebt haben. Das klingt nach 19. Jahrhundert. Es klingt wie der Wahlspruch der Franconia: „Ehre, Freiheit, Vaterland.“

Ehre, Tradition, Stolz, Vaterland, Nationalismus oder Patriotismus – das sind Werte, die hier offen vertreten werden und die mir fremd sind. Ich frage mich, wieso sie mir fremd sind und warum diese Werte derartiges Unbehagen in mir auslösen. Woher kommt das? In dem „Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944“ heißt es schon damals: „Sie werden Deutsche finden, die sich zutiefst dafür schämen, Deutsche zu sein.“ Und dann frage ich mich, wieso diese Werte den Burschis etwas bedeuten. Sind das denn Werte, auf die man überhaupt stolz sein kann? Ich frage Julian, ob er stolz ist, Deutscher zu sein. Er sei Patriot, entgegnet er mir und ihm gefielen die vielen Flaggen zur Fußball-EM. „Das hat irgendwie was.“ Aber irgendwie drückt genau das auch das zwiespältige Verhältnis der Deutschen zu Deutschland aus – nämlich, wenn die Jusos Deutschlandflaggen vor dem Uferlos verbrennen wollen oder eine Woche nach der EM, die Fahnen wieder weg sind. Es mache ihm zu schaffen, dass der Begriff „Nationalismus“ heute derart negativ konnotiert sei. „Wir sind eine deutsche Burschenschaft, das heißt, wir haben durchaus einen nationalen Gedanken dahinter. Es heißt bei uns in der Satzung, dass der Blick auf die eigene Nation nicht den Blick und den Sinn für andere Volkstümer verschließen darf.“ Und ich denke nur an das Wort Volkstümer. Sind das Kategorien, in denen man noch denkt?

Seit über 200 Jahren gibt es nun Burschenschaften in Deutschland. Den Bund der Franconia seit 138 Jahren. „In all dieser Zeit hat sich die Gesellschaft drumherum immer mal wieder gewandelt: von der Vielstaaterei über das Kaiserreich bis zur Bundesrepublik. Die Burschenschaft als solche blieb über die Zeit ihrem Geist nach gleich“, sagt Julian. Er will damit erklären, dass sich nicht die Burschenschaft wandelt, sondern lediglich der Kontext in der sie wahrgenommen wird. „Wir ziehen die Leute nicht aus ihrer Zeit und bewerten sie mit heutigen Maßstäben“, führt Julian weiter aus. Ich entgegne, dass es ihm doch bewusst sein müsste, dass die heutige Burschenschaft Franconia nach heutigen Maßstäben bewertet werde. So ganz verstehen wir beide nicht, was der andere meint, habe ich das Gefühl. 

Immer wieder wird den Burschenschaftern vorgeworfen, frauenfeindlich, rassistisch oder homophob zu sein. „Ich lasse mich gerne – mit Argumenten – dafür kritisieren, dass ich Burschenschafter bin, aber ich lasse mir nicht sagen, dass mich das automatisch zu jemandem Gefährlichen macht, der Ausländer und Frauen hasst, weil es einfach nicht stimmt“, wehrt sich Julian. Und das glaube ich ihm. Wir sind zwar politisch nicht einer Meinung, aber das Dümmste ist eigentlich jene Arroganz, die Meinungen anderer Art, wie den Patriotismus der Burschis, von vornherein ablehnt. Es gibt sicher Grenzen, aber eine Demokratie muss auch solche Meinungen aushalten. Und das tut sie. 

So langsam neigt sich unser Besuch dem Ende zu. Wir haben zwischendurch hitzig und äußerst kontrovers diskutiert – über den Kulturbegriff, über das „Deutschsein“ oder ob Studenten noch politisch sind. Ich habe jemanden getroffen, der Haltung beweist. Julian besitzt den Mut, seine Position zu verteidigen und das respektiere ich, auch wenn ich seine Ansichten keineswegs teile. So wirken die Burschenschafter auf mich allenfalls ein wenig aus der Zeit gefallen. Sie erinnern und orientieren sich an Werten, die für mich weit zurückliegen. Angst davor habe ich nicht. Es wirkt, als wären sie auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Ich für meinen Teil glaube, junge politische Studierende sollten ihren Blick nach vorne richten. Ein bisschen vom Mut der Burschis wäre dafür durchaus hilfreich. Eingedenk der Vergangenheit mutig die Zukunft zu gestalten, scheint mir kein Ding der Unmöglichkeit zu sein.

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