Die Wahl in den USA Warum sie auch unser Leben mitbestimmt

(Foto: Gage Skidmore)

Heute ist die Präsidentschaftswahl in den USA. Im Ausland wurde der Wahlkampf penibel mitverfolgt und sorgte zeitweise für Schrecken und Unverständnis. Warum wurde dem Wahlkampf eine solche Aufmerksamkeit geschenkt? Und warum entscheidet ihr Ausgang auch über unsere Zukunft?

Es ist 21 Uhr in Hempstead, NY, am Montag, den 26. September 2016, als die erste Presidential Debate beginnt. Clinton und Trump kommen lächelnd auf die Bühne, treffen sich in der Mitte und schütteln sich die Hände. In Deutschland überträgt Das Erste live. Hierzulande herrscht reges Interesse an der Wahl in dem geografisch doch recht weit entfernt liegenden Land. Es gibt Dokumentationen über die beiden Kandidaten und Talkshows, in denen die Frage im Raum steht, ob weite Teile der Amerikaner den Verstand verloren hätten, Donald Trump ins Weiße Haus einziehen lassen zu wollen. Die zu den Bundestagswahlen übliche Berichterstattung kann dieser Medienpräsenz nicht das Wasser reichen. Warum schenken wir und große Teile der restlichen Welt der Wahl in den USA solche Aufmerksamkeit?

Die USA und die Welt

Nach dem Zweiten Weltkrieg orientierte sich Westdeutschland und später auch die wiedervereinigte Bundesrepublik an den USA und wurde Teil des „Westens“. Auch heute noch ist unser Leben von amerikanischen Innovationen, Produkten und dem politischen Vermächtnis geprägt. Die USA sehen sich selbst als „the brightest beacon for freedom“ – ein Vorbild für Nationen in der ganzen Welt. Inzwischen blättert der Lack der „Leuchtfeuernation“ allerdings. Nach den Kriegen in Korea, Vietnam und dem Irak, nach dem NSA-Skandal, nach Guantanamo Bay und Abu Ghraib stehen die USA in der Welt nicht mehr als das Licht in der Dunkelheit dar, als das sie sich selbst sahen und in den meisten Fällen nach wie vor sehen. Aber nicht nur ihre Rolle in der Welt, auch die Verfassung, in der sich ihre Demokratie befindet, ist nicht länger das, was sie einmal war. Wer Präsident werden will, braucht mehr als politischen Ehrgeiz und Kompetenz. Der Anwärter benötigt die richtigen Beziehungen, ein ordentliches Vermögen und einen Abschluss von einer Eliteuniversität. Zudem besteht Verdacht auf Wahlmanipulation und durch das Wahlmännersystem schafft es auch ein Kandidat mit dem geringeren Anteil an Bürgerstimmen, zum Präsidenten gewählt zu werden wie George W. Bush im Jahr 2000. Das Land ist gespalten. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft auseinander, das politische Establishment ist verhasst, Polizeigewalt gegen Afroamerikaner und Latinos steht an der Tagesordnung und Islamophobie macht sich breit. Deshalb polarisiert der Wahlkampf wie selten einer zuvor.

Unterhaltsamer Wahlkampf

In Deutschland wäre eine solche Schlammschlacht wie dieser US-amerikanische Wahlkampf kaum vorstellbar. Er beginnt über zwei Jahre vor der Wahl und spitzt sich innerhalb dieser Zeit immer weiter zu. Die Wahlkampfteams der Anwärter suchen überall nach Fehltritten und potentiellen Skandalen der Gegner, um sich selbst in eine bessere Ausgangsposition zu versetzen. Das geht auch deshalb, weil die US-Amerikaner den Präsidenten und den Kongress getrennt voneinander wählen. Die Wahl hat einen extremen Personenbezug, sodass es vorkommt, dass der Zustand der Ehe eines Kandidaten als relevant für seine Wählbarkeit aufgefasst wird. In Deutschland wäre das undenkbar. Von dieser Seite betrachtet, hat die US-Wahl einen gewissen Unterhaltungswert. Donald Trump unter – (Achtung Wortwitz) – mauert mit seinen irrwitzigen Forderungen den inzwischen weitverbreiteten Anti-Amerikanismus in Deutschland. Aber auch Clinton, als Teil des politischen Establishments, steht für vieles, was aus der Sicht vieler Amerikaner in der Politik falsch läuft. Trump jedoch katapultiert die Schwächen des Systems auf eine ganz neue Ebene. Und seine Anhänger feiern ihn dafür.

Uns fällt es schwer, zu verstehen, warum man dort trotz 372 Amokläufen im Jahr 2015 auf das Recht besteht, Waffen tragen zu dürfen. Oder wie irgendjemand glauben kann, Mexiko würde für eine Mauer an der Grenze zu den USA zahlen. Oder wie über jegliche rassistischen oder widersprüchlichen Aussagen Donald Trumps hinweggesehen werden kann, einer von vielen frauenfeindlichen Sprüchen ihm dann aber fast das Genick bricht. Nicht nur in den USA füllen Satireshows wie die Daily Show ganze Sendungen mit Trump, auch in Deutschland wird über seine verbalen Eskapaden (und seine gewagte Frisur) hergezogen. Dieser Mann ist pures Satire-Gold.

Ähnliche Entwicklungen in Europa

Dass ein Phänomen wie Donald Trump kein ausschließlich amerikanisches ist, ist in Zeiten, in denen die AfD bei Landtagswahlen 20 Prozent holt, unbestreitbar. In den USA gilt schließlich etwas, das sich auch hier einige Menschen herbeisehnen: Ein politisches Spielfeld, vereinfacht auf „wir“ und „die anderen“. Demokraten gegen Republikaner. Klare Fronten. Nicht nur politisch gesehen. Die Globalisierung hat nicht nur wirtschaftliche Grenzen verschwimmen lassen. Menschen haben das Gefühl, den Halt zu verlieren, und wollen keine Veränderung zulassen. Das zeigt sich in Amerika, aber auch hier in Europa. Angst vor Migration macht sich breit. Da liegen Pläne wie die von Trump, eine Einreisesperre für Muslime zu verhängen, gar nicht so weit entfernt von Forderungen von Orban, Le Pen und Co. Entwicklungen wie diese gefährden die Demokratie. Wenn Trump auf die Frage, ob er das Ergebnis der Wahl anerkennen würde, antwortet, das hänge davon ab, ob er gewinne, und daraufhin Applaus und Lacher erntet, ist das etwas, das uns allen Sorgen bereiten sollte.

Das Amerika, das wir brauchen

Die USA sind und bleiben eine Supermacht. Ihre Beziehungen zu Russland, ihr Engagement als Militärmacht in Syrien, ihre Rolle in der Klimapolitik, der NATO und im internationalen Handel sind wichtige Parameter, die uns in großem Ausmaß betreffen. Unter Trump würde sich zwar eventuell das Verhältnis zu Russland bessern – zumindest nach seiner heutigen Haltung zu urteilen. Jedoch ist seinem „geheimen Plan“ zur Bekämpfung des IS, seiner Überzeugung, Klimawandel sei eine Erfindung Chinas (Änderungen des Klimas nenne man Wetter), seinen Plänen, die NATO-Staaten zu mehr Zahlungen anzuhalten, sowie seinen geplanten protektionistischen Maßnahmen aus deutscher Sicht mit einiger Skepsis zu begegnen. Die Nuklearcodes in den Händen einer solchen Person zu wissen, sollte uns durchaus nervös machen. Auch Clinton ist kein Engel im cremefarbenen Hosenanzug, aber sie ist berechenbarer – ein politischer Profi. Ihre Fehltritte der Vergangenheit sind zwar nicht ohne Weiteres abzutun. Abgesehen von dem Umgang mit Putins Russland finden wir jedoch in einem Amerika mit ihr als Präsidentin voraussichtlich den wirtschaftlichen und politischen Partner, den wir brauchen. Auch deshalb, weil wir nicht fürchten müssen, unter ihrer Präsidentschaft bräche der dritte Weltkrieg aus – und das ist doch einiges wert.

Der Wahlkampf und sein Ausgang sollten uns also durchaus interessieren. Wir brauchen ein Amerika, mit dem wir wirtschaftlich und politisch (zusammen-)arbeiten können. Davon hängen unser Wohlstand, unsere Sicherheit und das Wohlergehen des Planeten ab.

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