Die WWU beschließt Divestment – zumindest teilweise

Die WWU ändert ihre Anlagenrichtlinie. Steckt ihr Geld damit wirklich nicht mehr in Unternehmen der fossilen Industrie? (Foto: Fossil Free Münster)

Nach jahrelanger Kampagnenarbeit der Gruppe Fossil Free Münster hat die WWU ihre Finanzanlagenrichtlinie geändert. Die Anforderungen an Geldanlagen sind jetzt nachhaltiger. Welche Auswirkungen hat das und ist damit die WWU wirklich die erste Divestment-Uni Deutschlands?

Oft brauchen Veränderungen einen langen Atem. Auch an der Uni Münster. „Seit 2014 schon versuchen wir die Universität davon zu überzeugen, ihr Geld zumindest nicht in Unternehmen zu investieren, die ihr Geld mit fossilen Brennstoffen wie Kohle, Erdöl und Erdgas verdienen“, sagt Leandra Praetzel von der Münsteraner Ortsgruppe der Initiative Fossil Free. Die Kampagne will vor allem Institutionen dazu bringen, Neuinvestitionen in Kohle-, Öl- und Gaskonzerne zu unterlassen und alle alten Beteiligungen, vor allem an den 200 klimaschädlichsten Unternehmen, innerhalb von fünf Jahren abzustoßen. Fossil Free Münster hat bereits maßgeblich dafür gesorgt, dass die Stadt Münster als erste in Deutschland ihr Geld aus Unternehmen des fossilen Energiebereiches abgezogen hat. „Bei der Uni sind wir aber trotz vieler Aktionen und zahlreicher Versuche, mit Verantwortlichen ins Gespräch zu kommen, lange Zeit auf taube Ohren gestoßen. Dabei ist doch klar, dass Investitionen in Kohle, Öl und Gas letztlich den Klimawandel beschleunigen. Eine Institution wie die Universität Münster kann mit einem Divestment, also dem Abzug ihrer Gelder, ein starkes Zeichen dagegen setzen.“

Rückschläge und neue Gespräche

Ging es beim Divestment der Stadt Münster schnell voran, war die Kommunikation zwischen Uni und Fossil Free Münster lange von Schwierigkeiten geprägt. Laut Praetzel wurde auf Schreiben der Gruppe nach konstruktiven Anfängen bald nicht mehr reagiert. Deshalb konfrontierte sie 2014 beim Sommerfest der Universität die damalige Rektorin Ursula Nelles direkt mit ihren Forderungen. Diese sagte, die Mails von Fossil Free landeten mittlerweile im Spamordner, und sprach später am Rande der Veranstaltung von „Chaoten“. Eine Urabstimmung der Studierenden über die Finanzanlagen der Uni sollte 2016 das Thema Divestment dann erneut in die Uni-Öffentlichkeit bringen. Fossil Free sammelte mehr als 3.000 Unterschriften für die Durchführung einer Urabstimmung, um zwei Stunden vor der über die Durchführung entscheidenden StuPa-Sitzung zu erfahren, dass eine solche Urabstimmung rechtlich nicht möglich wäre. Die Finanzen der Uni gelten nicht als Angelegenheit der Studierendenschaft.

Und jetzt das: Laut Fossil Free Münster bezeichnete der Kanzler der Uni, Matthias Schwarte, ein im Sommer 2017 mit der Gruppe geführtes Gespräch als angenehm und konstruktiv, und Mitte Dezember des vergangenen Jahres  beschloss das Rektorat schließlich die Finanzanlagenrichtlinie der Universität zu ändern. Der „Grundsatz der Nachhaltigkeit“ bei Beteiligungen der Uni an Unternehmen wird festgeschrieben und dieser konkretisiert als Ausschluss von Unternehmen, die Kinderarbeit zulassen, mit Waffen handeln und „auf nicht nachhaltige Energien setzen“. Laut Praetzel hat es, seit Johannes Wessels Rektor ist, wieder Gespräche mit dem Rektorat gegeben. Und diese jetzt offensichtlich zu einer geänderten Meinung zum Divestment geführt.

Die Finanzanlagen der WWU

Doch um welche Finanzanlagen geht es bei der Uni eigentlich? Im Hochschulgesetz NRW steht, dass Universitäten sich nur an Unternehmen beteiligen dürfen, wenn dies den universitären Aufgaben, also vor allem der Forschung und Lehre, zugutekommt. Insgesamt sind die Möglichkeiten der Unis, überhaupt an Unternehmen Beteiligungen aufzubauen, also sehr eingeschränkt. Die Bilanzen der Uni Münster verzeichnen für 2016 Finanzanlagen in Höhe von knapp zwei Millionen Euro. Darunter fallen Anteile an Tochterunternehmen wie der WWU.Campus.GmbH und Beteiligungen an Unternehmen im wissenschaftlichen und technischen Bereich, doch den größten Anteil machen mit 1,4 Millionen Euro die rechtlich unselbständigen Stiftungen der Uni aus, also Stiftungen, die von der Uni getrennt von ihrem restlichen Vermögen verwaltet werden. Sie dienen der Förderung einzelner Forschungsbereiche. Über Beteiligungen an Investmentfonds geht das Vermögen dieser Stiftungen auch an Unternehmen der fossilen Industrie. Und sie sind von der geänderten Anlagerichtlinie ausgenommen, weil ihr Vermögen von jeweils eigenen Gremien verwaltet wird.

Erst einmal nur ein Teilerfolg

Von einem vollständigen Divestment der Uni wird man also erst dann sprechen können, wenn auch die Stiftungen ähnliche Anlagerichtlinien wie die Uni selbst beschließen. Der dürfte es – eben aufgrund der sowieso schon starken Einschränkungen bei Unternehmensbeteiligungen durch das Hochschulgesetz – nicht schwer fallen, der geänderten Richtlinie zu genügen. Finanziell bedeutsamer würde ein Divestment der Stiftungen. Laut Praetzel hat Kanzler Schwarte der Gruppe zugesagt, dass er sich vorgenommen habe, das Thema Divestment in diesem Jahr bei den Sitzungen der Stiftungen zu thematisieren. Bis dahin bleibt es dabei, dass nach jahrelanger Arbeit Fossil Free Münster einen Teilerfolg beim Divestment der Uni errungen hat.

Praetzel konstatiert, dass ethisches und nachhaltiges Investment insgesamt zunehme. Und berichtet, dass Fossil Free Münster bereits eine Kampagne für das Divestment der nächsten öffentlichen Einrichtung gestartet habe, bei der es um deutlich mehr Geld als bei der Uni geht: des LWL, der im Besitz von 6,6 Millionen, im Wert in den letzten Jahren rasant gesunkenen RWE-Aktien ist.

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