Ein Ort zum Spielen und Feiern Warum zwei Münsteraner Studenten einen Film über die Studiobühne drehen

Blick von der Empore auf die Bühne. (Foto: Nikos Saul)

Volker Pispers und Ute Lemper hatten hier erste Auftritte. Vor, mit und nach ihnen standen ganze Generationen Studierender und Lehrender hier auf der Bühne, bei Theateraufführungen, Rezitationsabenden, Konzerten und Rhetorikseminaren. Die Rede ist von der Studiobühne, die Anfang des nächsten Sommersemesters neu eröffnet wird. Über ihre Geschichte haben Dennis Kail und Simon Richard einen Film gedreht.

Ich treffe die beiden Studenten an einem warmen Augustnachmittag in der Münsteraner Innenstadt. Sie kommen gerade vom Interview mit Ortwin Lämke, dem Leiter der Studiobühne, und sind erleichtert, dass diesmal alles geklappt hat. Vor ein paar Tagen haben sie das Interview schon einmal geführt und mussten feststellen, dass die Tonspur zu verrauscht war, um die Aufnahmen verwerten zu können. Wir setzen uns in ein Café und sie beginnen, von der Arbeit am Film und der Geschichte der Studiobühne zu erzählen.
„Angefangen hat alles vor knapp zwei Jahren mit einem von Ortwin angebotenen Seminar in den Allgemeinen Studien“, erzählt der Germanistik- und Anglistikstudent Dennis. „Es ging darum, für die Neueröffnung der Studiobühne einen Katalog und eine Ausstellung zu erarbeiten.“ Im Zuge von Abriss und Neubau des Philosophikums am Domplatz musste die Studiobühne in ein Provisorium am Aasee umziehen und bekommt ab dem Sommersemester 2018 einen Platz direkt im Foyer des Neubaus. „Man sieht auf jeden Fall, dass die Studiobühne jetzt wieder viel präsenter im Kulturleben der Stadt werden soll“, meint Simon, der Kulturpoetik studiert und nach einigen Wochen zum Seminar dazustieß. „Für den Katalog sollten noch Interviews mit ehemaligen Studiobühnlern geführt werden und Dennis dachte, dass man, wenn man diese Interviews mitfilmt, aus ihnen sicher gut einen Film machen könnte.“

Blick von der Empore auf die Bühne. (Foto: Nikos Saul)

Gemeinsam auf der Bühne
Und so fuhren die beiden zusammen mit Ortwin Lämke nach Bochum, um dort den 93-jährigen emeritierten Professor Paul Gerhard Klussmann zu interviewen, der 1949 bei der ersten Aufführung der Studiobühne dabei war – damals noch eine mobile Bühne, die in verschiedenen Hörsälen der Universität Aufführungen anbot. „Was immer wieder in den Interviews, die wir geführt haben, rüberkam und was die Studiobühne auch besonders gemacht hat, war, dass Studierende und Lehrende hier gemeinsam auf der Bühne standen.“ Zwölf Jahre nach der Gründung war dann ein fester Ort für die Bühne am Domplatz 23a gefunden und bald darauf übernahm Rudolf Rösener die Leitung der Studiobühne von Peter Otten. „Otten hatte seine Sprechausbildung noch in den Zwanzigern gemacht und seine Rezitationen klangen entsprechend. Röseners Stil war dann nüchterner, weniger pathetisch“, erklärt Simon. Und Dennis erzählt, dass er, während die beiden schon am Film gearbeitet hätten, in einem Antiquariat in Heidelberg zufällig auf eine Schallplatte gestoßen sei, die Studierende der WWU in den Achtzigern für besagten Rösener aufgenommen hätten: „‚Kleine Anthologie für Rudolf Rösener‘. Eine Digitalisierung davon wird auch in der Ausstellung im Rahmen der Eröffnungswoche zu hören sein.“

Golo Mann als Zwerg
In dieser Eröffnungswoche Anfang des Sommersemesters 2018 werden Theaterprojekte der Studiobühne, Poetry Clips und Dennis’ und Simons Film zu sehen sein. Außerdem wird ein Katalog mit Beiträgen Studierender herausgegeben und es soll eine von Studierenden gestaltete Ausstellung zu sehen sein, in der Besucher sich anhand ausgewählter Inszenierungen durch die Geschichte der Studiobühne bewegen können. „Die Studiobühne soll wieder stärker als Teil des innenstädtischen Kulturkomplexes wahrgenommen werden, durch Erweiterung des Repertoires – zum Beispiel durch Jazzkonzerte im Foyer des Theaters –, aber eben auch durch die Eröffnungswoche“, meint Simon. „Unser Film ist dabei nur ein kleiner Teil.“ Einen Titel hat er noch nicht. Abschließend geschnitten ist er auch noch nicht. Aus zehn Stunden Interviewmaterial wollen Simon und Dennis in der nächsten Zeit einen zehn- bis fünfzehnminütigen Film montieren. „Natürlich muss man sehen, dass die Geschichten, die wir erzählen wollen, auch für Außenstehende interessant sind.“ Wie die von der Vierzigstundenlesung am Erbdrostenhof, mit der gegen Pläne des Rektorats protestiert wurde, die Studiobühne zu schließen. Oder von der Karnevalsaufführung 1960, in der Golo Mann einen Zwerg spielte.
Was die beiden während ihrer Filmarbeit am meisten beeindruckt hat? „Wie tief die Verbindung vieler Interviewter zur Studiobühne ist. Wir haben immer wieder gehört, dass die Studiobühne für viele, die dort gespielt haben, der Mittelpunkt der Studienzeit war, ein besonderer Ort, an dem man sich ausprobieren sowie eigene Ideen umsetzen konnte, an dem das Verhältnis zwischen Studierenden und Dozierenden ein anderes war, ein Ort zum Spielen und Feiern, aber auch einfach zum Abhängen, ein Ort, an dem lebenslange Freundschaften ihren Anfang genommen haben. Und durch die Beschäftigung mit der Geschichte der Studiobühne haben wir sehr viel über die Geschichte der Uni, aber auch der ganzen Stadt erfahren.“

Besuch im neuen Bühnenraum
Zum Abschluss führen Dennis und Simon mich noch in die neue Spielstätte der Studiobühne, wo sie vor ein paar Stunden das Interview mit Ortwin Lämke geführt haben. Ich bin gespannt. In den alten Räumlichkeiten hatte ich selbst noch Seminare, stand einmal auf der Bühne und habe mir Aufführungen angesehen. Durchs Foyer des Philosophikums mit seinem beeindruckenden Ausblick auf die neue Bibliothek geht es in den Bühnenraum. Es riecht nach Farbe. Staub liegt in der Luft. Doch obwohl der Raum noch nicht fertig ist, kann ich mir vorstellen, wie hier vollbesetzte Theateraufführungen stattfinden. Mir fällt auf, wie gut die Akustik und wie variabel die räumlichen Gestaltungsmöglichkeiten sind. „Vormittags sollen hier Seminare bei hellem Tageslicht stattfinden. Abends kann man die Vorhänge zuziehen und hat ein dunkles Theater. Und viel Schauspiel soll dann auch hier im Zuschauerraum stattfinden“, bestätigt Dennis diesen Eindruck. Zum Abschluss steigen wir noch auf die Empore mit ihrem Blick auf den schwarzen Bühnenkasten.
Als die alte Studiobühne abgerissen wurde, war ich erst etwas wehmütig, aber jetzt bin ich begeistert von den neuen Räumlichkeiten. Und gespannt auf die Eröffnungswoche und darauf, welche Studiobühnengeschichten Dennis und Simon in ihrem Film erzählen werden.

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*