In den Fußstapfen einer Diplomatin

14. Juni 2017

Müde, aber mit vielen Erfahrungen bei der NMUN-Konferenz in New York

Der für Millionen New Yorker gewöhnliche Montagnachmittag des 20. März wird für uns dann zu einem ganz besonderem: Beginn der Sitzungen in den Komitees.“ 16 Studierende der Uni waren in diesem Jahr Teil der größten Simulation der Vereinten Nationen in New York City und vertraten Haiti. Über die Bemühungen und Erfolge der kleinen haitianischen Delegation inmitten von mehr als 5000 Anzugträgern.

Text von Mandy Beck
Foto von Stefan Kahnert

Haiti – das ärmste Land der westlichen Hemisphäre, gezeichnet von Naturkatastrophen wie Erdbeben und Hurrikans. Insgesamt nicht gerade ein Hauptakteur in der internationalen Politik und folglich kein augenscheinlicher Wunschkandidat, wenn sich die Frage stellt, welches Land man bei der größten Simulation der Vereinten Nationen (UN) weltweit vertreten möchte. Dennoch, oder gerade weil der karibische Inselstaat auf den ersten Blick so „klein, arm und unbedeutend“ ist, war es für uns, 16 Studierende der WWU Münster, eine reizvolle Herausforderung, in die Fußstapfen der Diplomaten Haitis zu treten und das Land bei der National-Model-United-Nations-Konferenz (NMUN) zu vertreten.

Die Konferenz
Die NMUN ist die größte und älteste Simulationskonferenz der UN und findet alljährlich im Frühjahr in New York City statt. Über 5000 Studierende aus mehr als hundert Ländern kommen für eine Woche zusammen und diskutieren in den nachgestellten Komitees über aktuelle weltpolitische Themen und Herausforderungen. Mit dem Ziel, gemeinsam am letzten Konferenztag Resolutionen zu verabschieden, debattieren die Studierenden über Fragestellungen wie den Klimawandel, die Umsetzung der Sustainable Development Goals oder den Umgang mit Atomenergie. Verfahrensregeln sowie Thematiken auf der Agenda entsprechen denen der echten UN – dennoch verdeutlicht nicht nur das „M“ im Namen „NMUN“, dass es sich bei den Hunderten von Anzugträgern, die zwischen dem Sheraton, dem Hilton und dem UN-Hauptquartier hin- und hereilen, lediglich um Teilnehmende eines Modells, eines Planspiels handelt.

„Everyone is welcome here“
Nach einigen Turbulenzen, ausgelöst durch Streiks am Berliner Flughafen, strenger Kontrollen am Flughafen durch das verhängte Einreiseverbot sowie tagelangen Verspätungen durch den Blizzard „Stella“, geht das Abenteuer NMUN am Sonntagabend los. Noch bevor die eigentliche Arbeit beginnt, erwartet uns bei der Eröffnungsveranstaltung ein erstes Highlight: Kein Geringerer als António Guterres, Generalsekretär der UN, begrüßt uns in einer Videobotschaft und betont die Bedeutung der internationalen Zusammenarbeit. Unter dem Motto „Everyone is welcome here“ eröffnet Keynote Speaker Hina Shamsi die Konferenz und nimmt Bezug auf die derzeitige Einreise- und Migrationspolitik der USA. Hina Shamsi war selbst begeisterte NMUN-Teilnehmerin und arbeitet heute für die American Civil Liberties Union, in der sie dafür kämpft, die amerikanische Politik und die angewandten Verfahren in Einklang mit der Verfassung zu bringen. Bis spät in die Nacht wird anschließend über das Agenda Setting diskutiert: Erst wenn die Themenschwerpunkte in den Komitees gesetzt sind, dürfen die Delegierten ins Bett.

Vorbereitung ist das halbe Leben
Als 16-köpfige Delegation Haitis sind wir jeweils zu zweit in insgesamt acht Komitees vertreten, unter anderem in den drei Generalversammlungen, der UNESCO und der Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA). Je nach Größe des Komitees kommt es durchaus vor, dass man mit vierhundert anderen Delegierten zusammenarbeiten und sie schlussendlich vom Landesstandpunkt überzeugen muss. Darauf sind wir vorbereitet. Seit Beginn des Wintersemesters war der Dienstagabend für das Teamtreffen reserviert. Wir besuchten die Haitianische Botschaft sowie die zuständigen Referate im Auswärtigen Amt. Dank des Münster MUN e.V. hatten wir ein tolles Workshop-Programm, das uns inhaltlich und rhetorisch wichtigen Input gab, um uns auf die Konferenztage vorzubereiten.

Händeschütteln wie eine Diplomatin
Bevor die inhaltliche Arbeit in den Komitees endlich losgeht, ist der Montagvormittag für Besuche in den ständigen Vertretungen bei der UN reserviert. Wir folgen der Einladung der Ständigen Vertretung Deutschlands, an einer Gesprächsrunde mit dessen Pressesprecher teilzunehmen. Verwöhnt mit einem postkartenwürdigen Blick über den East River erfahren wir zunächst mehr über berufliche Qualifikationen eines Diplomaten. Nach dem Vortrag stellt sich der Pressesprecher unseren Fragen, die insbesondere auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der echten UN und der Simulation abzielen. Zwar sei die echte UN nicht so schnelllebig wie die NMUN, es gäbe jedoch auch viele Übereinstimmungen wie etwa Verfahren und Etikette.

Rednerlistenplatz 53
Der für Millionen New Yorker gewöhnliche Montagnachmittag des 20. März wird für uns dann zu einem ganz besonderem: Beginn der Sitzungen in den Komitees. Bestärkt durch einige Anträge, die Haiti am Vorabend bei der Themenfestsetzung stellen konnte, lauschen wir mit einem Ohr den Reden der anderen Delegierten, jedoch ohne dabei den festen Blick vom eigenen Notizbuch zu nehmen, in das man noch schnell ein, zwei Stichpunkte für die eigene Rede reinkritzelt. Es könnte ja sein, dass Haiti, Platz 53 auf der Rednerliste, heute noch seinen großen Neunzig-SekundenAuftritt hat. Die Komiteesitzung wechselt zwischen einem formellen Teil, in dem Reden gehalten werden, und einer informellen Debatte. Letzteres gleicht, zumindest der Lautstärke nach, einem Basar: „Small Islands Development States meet in the top left corner.“ Visitenkarten werden ausgetauscht und ähnliche Interessenlagen identifiziert. Schnell bilden sich kleine Gruppen, die sich im Konferenzgebäude zusammensetzen: Solche, die auf den Erhalt eines Awards aus sind, finden sich für gewöhnlich in unmittelbarer Nähe zum Komiteevorsitz wieder, wenn nicht sogar direkt vor dessen Pult. Bis Mittwochmorgen müssen alle Resolutionsentwürfe eingereicht sein.

Das (echte) politische Tagesgeschäft
Mittwochnachmittag ist es ungewöhnlich leer im Konferenzgebäude: Voting Procedure. Die Türen werden verriegelt, wer jetzt raus möchte, darf nicht wieder rein. Abgestimmt wird nun über die eingereichten Resolutionen, die zuvor einem Hin und Her aus Kontrolle und Überarbeitung unterzogen wurden. Jetzt zeigt sich, wer ausreichend Werbung für die eigene Resolution gemacht hat. Am Ende des Tages werden zahlreiche Resolutionen verabschiedet – alle mit dem Ziel, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, der unseren Nachfahren noch lange erhalten bleibt. In der IAEA wurde zum Beispiel beschlossen, dass die Zusammenarbeit im Bereich der friedlichen Nutzung von Atomenergie gestärkt werden soll, um den am wenigsten entwickelten Ländern zu helfen. Dazu wurde der Entwurf eines Abkommens angenommen, durch das die Vertragsstaaten eine Plattform zum Forschungstransfer zwischen Industrie- und Entwicklungsländern erhalten. Worauf man sich alles so einigen kann, wenn man gemeinschaftlich denkt.

Der verdiente Lohn
Im großen Saal der echten Generalversammlung im New Yorker UN-Hauptquartier geht das Abenteuer NMUN 2017 mit der Closing Ceremony zu Ende. Belohnt wurde unsere Arbeit mit einem „Position Paper Award“ für die Vorarbeit im IAEA sowie einer Auszeichnung als „Honorable Mention“ für die gesamte Delegation, die wir mit Stolz nach Münster bringen. Die nächsten internationalen Anerkennungen sollen folgen. Auch im kommenden Jahr wird sich der Münster MUN e.V. auf die Suche nach einer Delegation für das Abenteuer NMUN 2018 machen. Interessierte Studierende aller Fachrichtungen können sich noch bis zum 18. Juni online bewerben.

Mehr Informationen über Münster MUN e.V. findet ihr hier:

Website: www.muenster-mun.de
Facebook: fb.com/MuensterMUN
Twitter: @NMUN_MS17
Instagram: @nmun_ms17

Previous post:

Next post: