Kaputte Stimme in kitschigen Arrangements Warum Bob Dylans „Christmas In The Heart“ trotz allem ein gutes Weihnachtsalbum ist

Damals noch ohne Weihnachtsmütze und -lieder: Bob Dylan neben Joan Baez beim Washingtoner Civil Rights March 1963. (Foto: Rowland Scherman, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Joan_Baez_Bob_Dylan.jpg)

Seit Jahren schon verfolgt und begleitet mich Bob Dylans einziges Weihnachtsalbum und irritiert mich jedes Mal aufs Neue. Der erste Höreindruck war desaströs: Ein alter Mann mit kaputter Stimme singt aus Sentimentalität, oder um sich in die Reihe von Sinatra, Crosby und Cash einzureihen, klassische amerikanische Weihnachtssongs auf Arrangements, die sehr wenig mit seinem sonstigen Sound zu tun haben. Es passte für mich nichts zusammen – nicht Dylans nasale Reibeisenstimme zur gefälligen Begleitmusik, nicht das, was ich hörte, zu meinen Erwartungen an den Rockmusiker Dylan.

Ich kaufte mir das Album nicht und vergaß es jahrelang. Bis ein Freund und ich bei einer Vor-Weihnachtsfeier auf die Idee kamen, mit Dylans Stimme einen kleinen Kontrapunkt in die langweilige Musikauswahl der Feier zu setzen, und wir „Christmas In The Heart“ anmachten. Nach ein paar Liedern schon kamen erste Proteste: Das klinge ja ziemlich nervig. Beim Polkastück „Must Be Santa“ wurde uns die Musikauswahl dann endgültig entrissen. Wenn Bob Dylans Weihnachtsmusik aber die Macht hatte, die Ordnung einer Festgesellschaft zu stören, musste an ihr doch mehr dran sein als zuerst gedacht.

Als ich mir daraufhin das Musikvideo zu „Must Be Santa“ anschaute, wurde es mir klar. Hier sah ich Dylan mit schiefer, sein Gesicht zur Hälfte verdeckender Langhaarperücke unter einer Weihnachtsmannmütze sich um Tanz- und Entertainereinlagen bemühen. Asynchron performt er sein Lied auf einer weihnachtlichen Hausparty, die aus den Fugen gerät, als sich zwei Feiernde mit Gläsern bewerfen und einer der beiden durchs Fenster springt. Ähnlich aus den Fugen geraten sind auch die Songs auf „Christmas In The Heart“. Dylan vollzieht klassische Gesten nach, ohne sie ausfüllen zu können. Seine für manche schwer erträgliche Stimme wird von den klassischen Arrangements nicht überdeckt, so wenig wie seine schiefe Perücke von der Weihnachtsmannmütze. Das als ironisch-distanzierendes Nachspielen von Weihnachtsliedern zu deuten, scheint mir aber nicht ganz richtig. Das Verhältnis von Sänger und Gesungenem ist uneindeutiger, und hat sicher viel mit Kindheitserinnerungen an Weihnachten und Weihnachtslieder zu tun und damit, dass diese Lieder oft unerträglich kitschig und schön zugleich sind. Sie also nur ironisch zu vertonen, wäre genauso falsch wie sie ohne einen – hier stimmlichen – Bruch zu singen. Ich wüsste keine Musik, die mein Verhältnis zum Weihnachtsfest besser zum Ausdruck bringt als diese.

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