Männlichkeiten dekonstruieren Mit Maskulin*identität_en erscheint das erste Buch der Kulturproleten

In guter Gesellschaft: Jürgen Gabel und die Maskulin*identität_en. Foto: Isabel Schmiedel

Die Fernsehserie Fargo, das Verpackungsdesign von Duschgels oder ein Roman über den Warschauer Aufstand: In allen diesen Kulturprodukten werden Männlichkeitsbilder entworfen und sie alle werden im Buch Maskulin*identität_en analysiert. Wie kommen die Macher*innen des Münsteraner Kulturproleten-Blogs zu diesen Themen, was treibt sie an und warum haben sie ein Buch daraus gemacht? Ein Gespräch mit einem von ihnen.

Mitte Dezember im SpecOps. Vor etwa einem Monat wurde hier die Veröffentlichung des Sammelbandes Maskulin*identität_en, des ersten Buchs der Kulturproleten-Blogger*innen, gefeiert. Heute sitzen hier nur ein paar Gäste über ihren Heißgetränken, lesen und unterhalten sich leise. Ich bin einer von ihnen, vor mir steht ein Kakao und gleich werde ich Jürgen Gabel von den Kulturproleten treffen, um mit ihm über Sammelband und Blog zu reden. Ich gehe die von mir notierten Fragen durch und erinnere mich daran, was ich über die Kulturproleten weiß. Zuerst waren mir Sticker mit ihrem Logo aufgefallen; ich hatte mir schon gedacht, dass das irgendwas mit dem Masterstudiengang Kulturpoetik zu tun haben müsste, hielt das Ganze aber für einen aufklebergewordenen Insiderwitz, bis mich der Call-for-Papers erreichte, Beiträge zum Thema männliche Identitäten für den Kulturproleten-Blog einzureichen. Ich realisierte, dass es hier eine Münsteraner Webseite mit lesenswerten Texten zu Literatur, Filmen, Musik und anderem gab, die bisher komplett an mir vorbeigegangen war.

Die Wetterverhältnisse (Schnee) und die Getränkevorlieben (heiß) im Text stimmen. Foto: Isabel Schmiedel

Der Geist der Kulturpoetik

Jürgen kommt herein und übergibt mir direkt ein Exemplar von Maskulin*identität_en. Doch bevor wir über das Buch sprechen, soll es um den Blog und seine Geschichte gehen. Jürgen bestellt sich auch ein Getränk und beginnt zu erzählen. „Wir sind fünf Leute, die den Blog gegründet haben, und fingen alle zusammen 2014 an, Kulturpoetik zu studieren. Im ersten Studienjahr hatten wir die Idee und im August 2015 gingen wir dann online.“ Was Interessen und Bachelorfächer angeht, kommen die fünf aus durchaus verschiedenen Gebieten. Jürgen zum Beispiel hat vor seiner Zeit in Münster Kulturwirtschaft studiert, andere der fünf Bloggründer*innen Buchwissenschaft oder Rhetorik. Auch die Schreibstile variieren von wissenschaftlich bis journalistisch. „Und wir alle haben uns hier in Münster in der Kulturpoetik getroffen. Diese Offenheit des Faches mit seinem weiten Textbegriff, seiner Aufgeschlossenheit für Hoch- und Popkultur und seiner Aktualität, dieser Geist der Kulturpoetik soll auch auf unserem Blog erkennbar sein.“ So gibt es dort neben Artikeln über Literatur, Musik und Film auch Texte über Produktdesign, Architektur oder Zirkus. Der Blog ist offen und neue Beiträge zu allem, was im weitesten Sinne als Text verstanden werden kann, sind willkommen. Sie müssen dabei keineswegs besonders schwierig sein. „Ein Grund, warum wir die Blogform gewählt haben, war auch, dass wir das, was uns wissenschaftlich beschäftigt, für andere Menschen zugänglich machen und eine Plattform bieten wollten, um über Texte nicht nur hochwissenschaftlich zu reden.“

Von Cloud Rap zu Gender Design

Neben der inhaltlichen und formalen Vielfalt der Texte auf dem Blog fallen immer wieder auch thematisch geschlossenere Textreihen auf, die bisher die Themen Schlager, Zirkus und eben männliche Identitäten behandelten. „Wir haben uns von Anfang an bemüht, Überbegriffe für Blogtexte festzulegen. Eine unserer ersten Ideen war die Maskulin*identität_en-Reihe. Dass die dann so groß würde, hätten wir nicht gedacht.”

16 Beiträge zu so unterschiedlichen Gegenständen wie Männlichkeit im Cloud Rap, Gender Design, wütenden weiße Männer, der VOX-Serie Echte Männer oder der Münsteraner Selbsthilfegruppe TransIdent wurden schließlich auf dem Blog veröffentlicht – und griffen dabei offensichtlich ein gesellschaftlich virulentes Thema auf. Auch Die Zeit und die FAZ haben 2016 Artikelserien zu neuen Männerbildern veröffentlicht. Anders als den Autor*innen dieser Artikel geht es in Maskulin*identität_en aber keineswegs darum, einen Ratgeber für moderne Männer zu schreiben oder eine bestimmte Form der Männlichkeit zu propagieren, sondern darum, die mediale Konstruktion überkommener Männerbilder aufzuzeigen und Alternativen zu eröffnen – immer im Bewusstsein darum, „einen richtigen Diskurs im falschen“ zu führen, wie es im Editorial des Bandes heißt. Eigentlich, so wird an dieser Stelle deutlich, wäre die Zweigeschlechtlichkeit selbst zu dekonstruieren. Eine Auseinandersetzung mit Männlichkeitsnormen ist aber schon mal ein Anfang auf diesem Weg. Bei diesem Anfang folge ich, als ich mich später in den Sammelband einlese, den 16 Autor*innen gerne, erfahre von Gebieten der Gegenwartskultur, von denen ich vorher überhaupt keine Ahnung hatte, erhalte zahlreiche Anregungen für den kritischen Umgang mit medialen Männerbildern und Vorstellungen von Männlichkeit, die ich selbst verinnerlicht habe, und langweile mich auch aufgrund der formalen Vielfalt der Beiträge nicht: Reportagen stehen neben wissenschaftlichen Abhandlungen, Essays neben Gedichten und Montage-Texten.

Plexiglasscheibe mit Phallus

Wer die Beiträge auf dem Blog kennt, dem fallen beim Durchblättern des Buches sofort die neuen Fotos ins Auge. „Wir wollten, dass das Buch wirklich einen Mehrwert gegenüber den Online-Veröffentlichungen hat. Deshalb haben wir sie nicht nur noch einmal lektoriert, sondern vielen Beiträgen auch Fotos vorangestellt, die David Hartfiel für uns gemacht hat“, erzählt Jürgen. Darauf zu sehen sind etwa ein Treffen des Männerforums Münster oder jemand, der einen Phallus auf eine Plexiglasscheibe malt. Auf der Releaseparty wurde diese Scheibe dann versteigert. „Das Geld aus der Versteigerung und die Hälfte der Einnahmen der bei der Releaseparty verkauften Bücher ging an Trans-NRW, ein Informations- und Vernetzungsportal für Transpersonen.“ Die Drucklegung des Bandes wurde von der Universitätsgesellschaft Münster gefördert. „Womit wir selbst nicht gerechnet hatten“, meint Jürgen. So aber haben die Beiträge einen gebührenden Rahmen als schön gestaltetes Buch bekommen, das für 10 Euro im Buchhandel erhältlich ist.

Als ich nach dem Treffen durch den Schnee nach Hause laufe, frage ich mich, ob alle meine Fragen beantwortet wurden. Eigentlich haben wir über den politischen Anspruch von Blog und Buch nur sehr am Rande gesprochen – Jürgen meinte, niemand aus der Gruppe sei explizit politisch engagiert. Mir aber scheint ein Buch, das überkommene und letztlich patriarchalische Männerbilder dekonstruiert, sehr wohl eine politische Intervention zu sein. Wie nötig sie ist, zeigen viele der im Buch gebrachten Beispiele.

Buch: Maskulin*identität_en. Hrsg. von Jürgen Gabel, Kilian Hauptmann, Jasmina Janoschka, Theresa Langwald, Alix Michell. Christian A. Bachmann Verlag, Berlin 2017. 10€

Blog: www.kulturproleten.de

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