„Neugierig, interdisziplinär, dynamisch“ Perspective Daily – Konstruktiver Journalismus aus Münster

Bei „Perspective Daily“ nimmt sich niemand zu ernst. (Foto: Benedikt Duda)

Seit Juni 2016 ist „Perspective Daily“ der jüngste Zuwachs zu Münsters Medienlandschaft. Das Onlinemedium mit mittlerweile mehr als zwanzig Mitarbeitern ist das erste konstruktive Medium im deutschsprachigen Raum und veröffentlicht von Montag bis Freitag jeweils einen Artikel pro Tag. In diesen sollen nicht nur Probleme berichtet, sondern auch Lösungen angeboten werden. Mittlerweile hat „Perspective Daily“ mehr als 14.000 Mitglieder, Tendenz steigend. Wir haben Mitbegründerin Maren Urner in der Redaktion besucht und uns einen Eindruck verschafft.

Die Pforte zur Erkenntnis. (Foto: Benedikt Duda)

Gespenster gibt es im Geister Landweg keine, aber viel los ist hier auch nicht. Niemand würde erwarten, dass hier inmitten eines Industriegebiets zwischen Auto- und Getränkehändlern eine Redaktion ihrer täglichen Arbeit nachgeht. Die Mittagszeit ist gerade um, als ich bei „Perspective Daily“ klingle. An der Tür zur Redaktion in der zweiten Etage des Gebäudes hängt ein Plakat: „Für einen Journalismus, der fragt: Wie kann es weitergehen?“ Gute Frage! Für mich erstmal durch diese Tür. Gleich der erste Eindruck zeigt mir, hier läuft es anders. Keine Hektik, kein Stimmengewirr, kein großer Newsdesk. Die Redaktion hat gerade ihr gemeinsames Mittagessen beendet und befindet sich nun in der täglichen Besprechung. Zeit für mich, einen kleinen Eindruck der 240 Quadratmeter zu bekommen. Es wirkt alles noch ein wenig sporadisch eingerichtet, viele der Wände sind noch weiß, als ob die Redaktion selbst nicht ganz sicher ist, dass sie hier für eine längere Zeit bleiben wird.

Neben mehreren Büroräumen für die 10 bis 15 Mitarbeiter vor Ort, einem Konferenzraum und einer kleinen Küche, gibt es noch einen kleinen Gemeinschaftsraum mit einem grauen Ecksofa. Hier warte ich auf mein Gespräch mit Mitbegründerin Maren Urner. Gegenüber hängt ein Bild der Redaktion, das sie allerdings als Figuren der US-amerikanischen Animationsserie „South Park“ zeigt. Mir wird klar, hier nimmt sich niemand zu ernst. Hier ist man gleich per du.

Teamarbeit
Als die Redaktionskonferenz ihr Ende findet, wird es kurz geschäftig auf dem Flur, doch die Unruhe dauert nur knapp fünf Minuten. Danach herrscht wieder Ruhe. Dies sei völlig normal, erklärt mir Maren, die mittlerweile im Schneidersitz neben mir auf dem Sofa Platz genommen hat: „Es ist eben so, dass die Stücke, die wir schreiben, einer gewissen Konzentration bedürfen.“ Zwei Wochen dauert es in der Regel, bis aus der ersten Idee ein fertiger Artikel geworden ist. Diese durchlaufen dabei verschiedene Phasen. Von der Idee geht es zunächst in die Skelettphase, wo eine grobe Struktur festgelegt wird, die daraufhin mit zwei Kollegen besprochen wird. Danach wird der Artikel geschrieben, im Anschluss erneut mit zwei Kollegen darüber diskutiert und wieder daran gearbeitet. Das wiederholt sich einige Male. Parallel wird mit den Designern und Entwicklern über das Layout gesprochen. „In einem Artikel sind am Ende ruckzuck sieben bis acht Leute beteiligt und das dauert eine gewisse Zeit. So etwas geht nicht innerhalb von zwei, drei Stunden oder einem Tag“, stellt Maren klar. Teamarbeit ist wichtig in der Redaktion. Jeder übernimmt auch in anderen Bereichen Verantwortung wie zum Beispiel im Marketing oder bei der Sichtung der Bewerbungen. „Die einzelnen Teammitglieder sind sehr unterschiedlich, sowohl was die Hintergründe anbelangt als auch die Einstellungen zu vielen Fragestellungen. Was aber alle verbindet, ist die Neugier und Einstellung, darüber zu diskutieren und sich selbst, Themen und Lösungen zu hinterfragen.“ Auf die Frage, wie sie ihre Kollegen charakterisieren würde, fallen Maren spontan drei Begriffe ein: „Neugierig, interdisziplinär und dynamisch.“ Oftmals wird kritisiert, dass niemand in der Redaktion ein Volontariat abgeschlossen habe. Für Maren kein Problem: „Es haben durchaus einige von uns eine journalistische Ausbildung gemacht, also ist es nicht so, dass hier nur Leute sitzen, die vorher noch nie ein Wort geschrieben haben. Dass jetzt keiner ein klassisches Volontariat gemacht hat, sehe ich nicht als Nachteil. Das muss natürlich jeder für sich selbst beurteilen, aber letztendlich kommt es auf den Output an. Das ist das Wichtige.“

Küchentisch-Mythos
Die Geschichte des „Perspective Daily“ beginnt mit Maren und ihrem Mitbegründer Han in Großbritannien: „Jedes Start-up braucht ja einen guten Mythos. Bei uns war es nicht der Bierdeckel, sondern tatsächlich der Küchentisch. Han und ich haben vorher gemeinsam in London gewohnt und da promoviert.“ Beide hätten sich viele Gedanken dazu gemacht, warum Menschen und Organisationen, die über die Zukunft nachdenken und konkret an Lösungen arbeiten, so selten thematisiert werden, erläutert sie. Die Menschen würden einen gewissen Fatalismus und Zynismus an den Tag legen, die auch durch die negative Berichterstattung der Medien heraufbeschwört würden. Die Lösung fanden Maren und Han im konstruktiven Journalismus, der bereits in einigen Ländern viel weiter war und auch wirklich praktiziert wurde: „Wir sind vielen Menschen begegnet, die das Gefühl hatten, nichts ausrichten zu können. Die Eliten entscheiden und die Probleme sind viel zu komplex. Das ist, was wir mit unserem Projekt und auch mit dem konstruktiven Journalismus im Allgemeinen versuchen zu ändern. Zumindest eine kleine Gegenstimme, eine Zutat zu diesem Mix auszumachen. Und damit ein bisschen was anstoßen können.“

Maren Urner (u. r.) und die Köpfe hinter Perspective Daily. (Foto: Perspective Daily)

Über Morgen nachdenken
Maren ist dabei sehr wichtig, dass beim Begriff „konstruktiver Journalismus“ keine falschen Assoziationen entstehen. In Deutschland würden viele diesen mit „positivem Journalismus“ gleichsetzen oder glauben, es würde PR für eine Nichtregierungsorganisation gemacht werden. „Es ist eben nicht konstruktiver Journalismus, nur eine Lösung vorzustellen. Es geht darum, das Problem zu verstehen sowie zu erklären und im zweiten Schritt sich zu fragen, was jetzt? Wir schauen dann, was gibt es schon für Projekte oder Menschen, die an diesem Problem oder dieser Lösung arbeiten, vielleicht auch schon gute Ideen oder nur auf einem theoretischen Level darüber nachgedacht haben. Es ist eine Grundhaltung: Ja, ich möchte über Morgen nachdenken und mich nicht in dieses Schneckenhaus, diese zynisch passive Haltung zurückziehen.“

Der Name „Perspective Daily“ habe sowohl einen pragmatischen als auch einen inhaltlichen Ansatz. „Die praktische Herausforderung war, dass wir als Start-up eine Domain brauchten, die günstig war. Das war auf der einen Seite die restriktive Bedingung“, erklärt Maren lachend, „und auf der anderen Seite sollte es natürlich auch noch gut klingen, nach etwas, wo Journalismus gemacht wird.“ Auf Daily sei die Wahl gefallen, da jeden Tag ein Artikel veröffentlicht werden sollte. Das andere zentrale Wort, um das sich alles gedreht habe, sei „Perspektiven“ gewesen. Am Ende fiel auch die Entscheidung auf die englische Sprache aufgrund des Pragmatismus, da sie international mehr Spielraum bietet für zukünftige Projekte oder bei internationalen Veranstaltungen.

Finanzierung auf wackligen Füßen
Ein Knackpunkt für die Zukunft ist die Finanzierung des Projekts. „Perspective Daily“ wird ausschließlich über die Mitglieder finanziert. Ein Jahresbeitrag kostet derzeit 60 Euro. Nach einem Gründerstipendium und einer erfolgreichen Crowdfunding-Phase, die 12.000 Mitglieder generierte sowie das erste Jahr finanzierte, kommt es im nächsten Monat zum entscheidenden Moment. Wie viele Menschen bleiben dabei und wie viele springen ab? Werbung kam für die Redaktion und Maren nie in Frage: „Qualitativer Journalismus will Dinge erklären und mir beibringen, diese kritisch zu hinterfragen, während Werbung genau das Gegenteil möchte. Dann kann ich mir doch ausrechnen, dass das nicht zusammenpasst.“

Bei der Weiterverbreitung wird das Medium auch von prominenter Seite unterstützt. Gerade Schauspielerin Nora Tschirner war von Beginn an ein wichtiger Stützpfeiler: „Sie hat uns mit verschiedenen Fernseh- und Radioauftritten sehr intensiv unterstützt. Das hat uns natürlich massiv geholfen, dass genug Menschen von uns gehört und dem Projekt vertraut haben.“

Damit trotzdem aber so viele Menschen wie möglich Zugang zum konstruktiven Journalismus haben, hat sich die Redaktion für eine durchlässige Paywall entschieden. Mitglieder können Artikel an Nicht-Mitglieder weiterleiten, die dann kostenlosen Zugriff auf diese haben. „Theoretisch ist die Reichweite grenzenlos. Trotzdem wollen wir eben auch ganz klar kommunizieren, dass es Geld kostet. Wenn ihr das weiter nutzen möchtet, wäre es fair, wenn ihr entsprechend dafür bezahlt, sonst können wir es irgendwann nicht mehr machen“, macht Maren deutlich.

Entscheidung im Juni
Das wäre im Juni das Worst-Case-Szenario. Sollte die Finanzierung nicht ausreichen, müsste die Redaktion ihre Arbeit einstellen. Eine abgespeckte Version des „Perspective Daily“ wird es nicht geben: „Wir brauchen mindestens sieben feste Autoren. Anders ist es nicht machbar. Sonst würden auch die ganzen Arbeitsstrukturen und -weisen wegfallen, da nicht mehr genug Perspektiven oder verschiedener Input da wären. Wir möchten, dass die Leute darüber reden, wir möchten dem konstruktiven Journalismus eine Plattform geben und damit all den Themen, die wir versuchen abzudecken. Aber das, was wir jetzt haben, ist das minimale Modell. Gerne möchten wir das noch ausbauen, aber darunter kann es eigentlich nicht funktionieren.“

Zukunftsaussichten
Bei einer soliden finanziellen Basis sieht Maren noch einige Entwicklungschancen für das Projekt. So wird es bald eine App geben. Momentan befindet sich diese in der Beta-Phase und wird intern getestet: „Es läuft schon ganz gut und wir hoffen, dass wir die App in ein paar Wochen zumindest als Beta-Version releasen können.“ Gerne würde die Redaktion in Zukunft auch noch ein, zwei neue Autoren einstellen. Außerdem könnte sich das Medium mehr Kooperationen vorstellen: „Es geht uns darum, mehr konstruktiven Journalismus zu verbreiten. Es ist nicht so, dass wir sagen, wir schotten uns ab. Wir sind da sehr offen und versuchen, in den Dialog zu treten. Wir haben zum Beispiel schon einen Kontakt zu einer Lokalzeitung.“ Auch in Richtung Podcast habe man schon ein wenig ausprobiert, berichtet Maren.

Mitten im Industriegebiet steht das Redaktionsgebäude. (Foto: Benedikt Duda)

Tatort Münster
Warum Münster, frage ich zum Schluss. Pragmatismus ist erneut die Antwort. Nach der Zeit in London arbeiteten Maren und Han zunächst für ein gutes Jahr in Münster an einem anderen Projekt. Als sie dann etwas Eigenes auf die Beine stellen wollten, nahmen sie Kontakt zur WWU auf, um einen Antrag für das Exist-Förderprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums zu stellen. „Nach dem erfolgreichen Crowdfunding haben wir dem Zeitdruck und dem Pragmatismus geschuldet gesagt, wir bleiben erstmal hier, Münster ist ja auch ganz nett“, erklärt Maren schmunzelnd. „Natürlich ist es hier nicht so einfach, Personal zu bekommen. Aber bisher haben wir es noch nicht bereut.“ Dennoch hätte man sich die Unterstützung von vor Ort ein bisschen stärker erhofft, gerade da die Anbindung an die WWU schon gegeben war. „Da ist nie wirklich viel zurückgekommen. Das war ein wenig schade. Ich denke, wenn knapp 50.000 Studierende in Münster schon mal von uns gehört hätten, da könnte man schon ein Menge reißen. Da ist auf jeden Fall noch Potenzial.“ Praktika seien für Studierende in der Redaktion immer möglich: „Gar nicht unbedingt nur mit dem Fokus Journalismus. Das ist ganz unterschiedlich. Was man vor allem mitbringen muss, ist eine gewisse Neugier und Bereitschaft, sich darauf einzulassen.“

Nach knapp einer Stunde schließt sich hinter mir mit einem leisen Klicken die Tür, die fragt: „Wie kann es weitergehen?“ Mein Gefühl sagt mir, es wird weitergehen. Maren und Co. brennen für ihr Projekt, sind vollkommen davon überzeugt. Ich denke, auch im Juli wird im Geister Landweg die Arbeit weitergehen und keine gespenstische Ruhe vorherrschen.

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