We care – Austin, Texas

30. März 2017

Unsere Autorin Janna ist zur Halbzeit ihrer Reise durch die USA im Süden des Landes angekommen. In Austin, Texas trifft sie auf eine sehr gespaltene Gesellschaft. Für unsere Serie „SSP asks USA“ hat Janna mit Mutter und Tochter über die Zukunft geredet und zwei unterschiedliche Auffassungen gehört. Dennoch haben beide etwas gemeinsam: Sie sorgen sich um ihr Land.

Text von Janna Ringena
Bilder von Isabell Guntermann

Austin ist eine Studierendenstadt, alternativ, liberal und als Hauptstadt des Staates Texas von politischer Bedeutung. Das Kapitol in Austin ist größer als das in Washington, der republikanische Gouverneur Greg Abbott hat hier sein Büro und sitzt damit inmitten des demokratisch geprägten Travis County: Sowohl der ortsangehörige Sheriff als auch der Bürgermeister von Austin sind Demokraten. Die dadurch resultierende angespannte Stimmung spiegelt sich in den lokalen Zeitungen wider. Der Gouverneur droht mit der Streichung von Subventionen, wenn der Sheriff sich nicht den Anordnungen des Präsidenten beuge; es ist eine eindeutige Solidarisierung mit dem Sheriff zu beobachten. Dennoch gewann Präsident Donald Trump in Texas mit neun Prozentpunkten Vorsprung zur Herausforderin Hillary Clinton.

Politische Spannungen und Differenzen gibt es nicht nur zwischen den unterschiedlichen Instanzen regionaler und überregionaler Regierungsinstitutionen, zwischen Land- und Stadtbevölkerung, sondern auch innerhalb von Familien. Diesmal habe ich Mutter und Tochter befragt, Republikanerin und Demokratin.

„Our challenge is to create an America that lives up to the principles and ideals of our Founding Fathers“ – Ron Paul

Wir waren in Austin zu Gast bei Morgan. Mit dem Ziel später für den US-amerikanischen Geheimdienst zu arbeiten, studiert sie „National Intelligence“ am „Community College“ in Austin. Sie ist 19 Jahre alt, in Austin geboren und in San Antonio, Texas, der Schweiz, Dallas, Texas sowie in South Carolina aufgewachsen.

Morgan wünscht sich, dass sich die Amerikaner auf die Prinzipien der Gründerväter Amerikas zurückbesinnen. In der Unabhängigkeitserklärung von 1776 heißt es, dass jeder Mensch gleich geschaffen und mit unabdingbaren Rechten, die da wären Leben, Freiheit und das Streben nach Glück, ausgestattet ist. Daraus ergibt sich ihr Wunsch, dass jeder, der friedlich in die USA einreisen möchte, diese Möglichkeit erhält, dass jeder Immigrant hineingelassen wird. Der Amerikaner müsse wieder lernen als Individuum aufzustehen und sich nicht leichtsinnig und bequem der Masse anzupassen: „As individuals we should learn to stand up for ourselves and not just to fall in with the crowd.“ Nur so könne ein Weg zu mehr Frieden und weniger Gewalt gefunden werden.

Morgans Erwartungen für die nächsten vier Jahre sind eher negativ. Die Regierung könnte diktatorische Züge erlangen, sie fürchtet weitere politische Spannungen und Gewalt sowie den Verlust des Gemeinschaftsgefühls. Dennoch hält sie Krieg oder einen völligen Kollaps des Systems für unwahrscheinlich.

„I think one person cannot create the mess we are in and one person cannot save us.“

Ihre Mutter Brenda ist 44 Jahre alt. Aufgrund der Studien ihrer zwei Töchter hat sie fast 200.000 Dollar Schulden. Ihre Firma musste wegen unternehmenssteuerlicher Belastungen durch die Obama-Regierung schließen. Gebürtig kommt sie aus Oklahoma, hat aber lange Zeit in Texas gelebt. Einem Staat, der nach ihren Aussagen täglich unter der wachsenden Drogenkriminalität, dem Prostitutionshandel und einer steigenden Anzahl von Kindesentführungen durch illegale Immigranten leide. Aktuell lebt sie aus beruflichen Gründen mit ihrem Mann in Barcelona.

Brenda wünscht sich, dass die Amerikaner vereint einen Weg finden, ihre Ziele zu erreichen, ohne sich egoistisch auf die eigenen Ideale zu versteifen. Auch gegensätzliche Meinungen sollen angehört und respektiert werden. Sie hofft, dass die Schulden der Vereinigten Staaten verringert und mehr Arbeitsplätze geschaffen werden können. Das Gesundheitssystem müsse dringend überarbeitet werden. Zur Unterstützung kleiner und mittelständischer Unternehmen müssen Anreize zur Investition geschaffen und dahingehend steuerliche Entlastungen umgesetzt werden, damit deren Strukturen und Technologien nicht langfristig veralten. Sie hofft, dass alle Menschen in den USA willkommen geheißen werden, aber deren Einreise streng kontrolliert wird, um die Amerikaner vor den schon genannten Problemen zu schützen. Zudem pocht sie auf bezahlbare, bessere Bildungsmöglichkeiten, damit mehr Amerikaner in der Lage sind, die Probleme des Landes nachzuvollziehen.

Brenda erwartet, dass gegenwärtige Anordnungen und Gesetze, umgesetzt von Menschen, die wegen der misslichen wirtschaftlichen Lage und der bemerkbar ungebildeten sowie angsterfüllten Bevölkerung verzweifelt sind, zwangsläufig zu den dringend benötigten Veränderungen führen können. Eine Person könne jedoch weder das Land retten noch das Chaos verursachen, in dem es aktuell stecke. Sie befürchtet, dass die Amerikaner derart selbstsüchtig und fordernd nach sofortigen Ergebnissen geworden sind, dass jede vorgeschlagene Veränderung zu Konflikten führen wird. Sie denkt, dass Arbeitsplätze geschaffen werden können, dies jedoch wahrscheinlich auf Kosten internationaler Handelsbeziehungen geschehen werde. Für das Gesundheitssystem erwartet sie keine tiefgreifenden Veränderungen, auch Bildung werde für den durchschnittlichen Amerikaner weiterhin nicht finanzierbar sein. Man sei zu ängstlich, um dringend benötigte Veränderungen umzusetzen. Sie kritisiert zudem die Respektlosigkeit der Bevölkerung gegenüber der Regierung, was sich in deren Unfähigkeit widerspiegele: „I expect our lack of respect for our leaders to reflect strongly in their inability to do many things they were voted into office to do.“

Letztendlich beruhen die Äußerungen von Mutter und Tochter beiderseits auf den gleichen grundlegenden amerikanischen Werten. Dennoch vertreten sie sehr unterschiedliche Positionen, die ihrem persönlichen Verhältnis zueinander jedoch nicht im Wege stehen.

„These are the times that try men’s souls“, schrieb einst Thomas Paines, Gründervater der USA – Vermutlich befinden wir uns gerade in einer solchen Zeit – in einer Zeit, die man dazu nutzen sollte, aus differierenden Meinungen zu lernen, anstatt sich derentwegen zu zerstreiten.

Aus dem „Lone Star State“ geht es weiter in die „Sin City“ – Las Vegas.

Lest Teil 3 unserer Serie „SSP asks USA“: Reason and concern instead of emotion and animosity – Chicago
Lest Teil 5 unserer Serie „SSP asks USA“: Vegas is gonna be so much fun! – Las Vegas


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