Fünf Fragen an… Prof. Dr. Thomas Apolte

Über Revolutionen damals und heute

Professor Apolte vom Lehrstuhl für Ökonomische Politikanalyse der WWU.
Foto: Pressestelle WWU

Thomas Apolte, Jahrgang 1960, ist Professor der Volkswirtschaftslehre am Lehrstuhl für Ökonomische Politikanalyse der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der WWU. Im Rahmen seiner Forschung beschäftigt er sich seit 1989 mit dem Thema „Revolution“. Er stellt sich dieses Mal unseren fünf Fragen an…

 

1. SSP: Was ist unter dem Begriff Revolution zu verstehen?

TA: Heute versteht man unter Revolution typischerweise, dass sich die Massen des Volkes ihre Rechte nehmen, die ihnen zustehen. Das ist allerdings der Gebrauch des Begriffs, der erst nach der Französischen Revolution und vor allem durch Karl Marx etabliert wurde. Vorher hat man sich etwas ganz anderes darunter vorgestellt. Die Vorstellung, dass sich das Volk aus seiner Unzufriedenheit heraus die Souveränität zurückholt, ist allerdings romantisiert und so nicht richtig. Sie ist fast zu schön, um wahr zu sein.

 

2. SSP: Warum beschäftigen Sie sich so intensiv mit dem Thema Revolution, gibt es aktuelle Anlässe?

TA: Generell fasziniert mich das Spannungsfeld zwischen der verbreiteten Romantisierung des Begriffs Revolution und der Ernüchterung, die sich einstellt, wenn man sich näher mit dem Thema beschäftigt. Bei mir fing das 1989 mit dem Kollaps der ex-sozialistischen Systeme vor allem in Polen an. Zunächst wurde dafür der Begriff Revolution noch gar nicht verwendet. Als man die Ereignisse im Laufe der Zeit in einen größeren Kontext stellte, wurde mehr und mehr von einer „Revolution“ und für die DDR von einer „friedlichen Revolution“ gesprochen. Zur selben Zeit habe ich mich erstmalig mit den theoretischen Hintergründen beschäftigt. Daher stand mir mehr und mehr die Romantisierung des Begriffs vor Augen. Zu meiner Studienzeit allerdings war auch für mich der Begriff noch voller Romantik. Wir empfanden die westdeutsche Gesellschaft als spießig und die Verhältnisse schrecklich. Das fütterte bei uns allen den romantischen Reiz von Revolution, von Figuren wie Che Guevara und den Texten von Marx und Engels. Da war es kein Wunder, dass alle interessanten Szenen irgendwie links zu finden waren. Leider wurde dabei aber vieles beschönigt, was in Osteuropa passierte, obwohl dort von allem, was wir bei uns kritisierten, eigentlich nichts besser war; und obwohl es dort noch viel spießiger zuging. Mit dem Umbruch in Osteuropas wurde dann aber auch diese Revolution romantisiert, was vielleicht weniger an der Realität vorbeiging, der Komplexität der Ereignisse aber auch nur sehr bedingt gerecht wurde. Übrigens war das nicht überall friedlich, vor allem nicht in Rumänien.

 

3. SSP: Wie entwickeln sich Revolutionen? Ist das immer unterschiedlich oder sind klare Muster zu erkennen?

TA: Revolutionen unter dem heutigen Verständnis, wonach die Massen auf die Straße gehen, um einen ungeliebten Herrscher loszuwerden, sind viel ungeplanter, als man sich das vorstellt. Deshalb gibt es auch keinen klaren Zusammenhang zwischen der Ursache, also einer schlechten wirtschaftlichen oder politischen Lage, und revolutionären Ereignissen. Eine schlechte wirtschaftliche oder politische Situation ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung dafür, dass Leute auf die Straße gehen. Revolutionen passieren manchmal und manchmal passieren sie nicht, ohne einen zuverlässigen Zusammenhang. Die Systeme in Osteuropa waren Ende der 1980er völlig morsch und wären früher oder später ohnehin kollabiert. In bestimmten Regionen, vor allem in Polen, gab es traditionell sehr viel soziale Unruhe. Die Leute dort waren einfach wunderbar renitent, und daher hat sich die Revolution von 1989 auch daran kristallisiert. Weil die Sicherheitskräfte nach und nach den Überblick verloren, rechneten die einzelnen Menschen nicht mehr mit schlimmen Konsequenzen, wenn sie auf die Straße gingen. Das zog immer mehr von ihnen magisch an. Sehr schön konnte man das an der Entwicklung in Leipzig und Berlin beobachten. Wenn ein Regime in eine solche Dynamik gerät, wird es ganz kritisch. Entweder schlägt es dann brutal zurück, wie Peking damals, oder es kollabiert. Morsch wie die Systeme in Osteuropa waren, kollabierten sie.

 

4. SSP: Finden Sie, dass es in Deutschland oder auch in Münster zum Beispiel hinsichtlich der politischen Lage einer Revolution bedarf?

Nein, wozu? Es geht uns so gut wie nie zuvor. Hinzu kommt: Historisch gesehen, kann man mit wenigen Ausnahmen nicht beobachten, dass Revolutionen die Dinge verbessert haben. Umgekehrt beobachten wir zurzeit starke Kräfte, die sich revolutionär geben, aber nicht verstanden haben, was der rechtsstaatliche Teil einer Demokratie bedeutet. Bei uns sind das AfD und Pegida, bei unseren Nachbarn oder in den USA sind es andere, aber immer ähnliche. Solche Kräfte behaupten immer, sie allein würden etwas vertreten, was sie den Willen des Volkes nennen. So etwas wie einen Volkswillen gibt es aber nicht. Es gibt nur die Wünsche vieler sehr verschiedener Menschen, und darüber muss es befriedende Lösungen geben. Das muss Demokratie leisten. Wenn das nicht gesehen wird oder nicht gesehen werden will, entwickeln sich schnell bösartigen Formen revolutionärer Romantisierungen. Aber auch bei ursprünglich guten Absichten neigen Revolutionäre dazu, ihr Handeln auf eine gefährliche Weise zu romantisieren. Das führt dazu, dass Revolutionen selten die Lage der Menschen verbessern, wenngleich es Ausnahmen gibt, wie jene von 1989 in Mittel- und Osteuropa. Häufig enden sie dagegen in Katastrophen. Bei allen Problemen, die wir aktuell bei uns haben, kann man daher festhalten: Eine Revolution wäre gewiss das Letzte, was wir bräuchten.  

 

5. SSP: Finden Sie, dass die junge Generation im Alter von 20-35 Jahren revolutionär genug ist?

TA: Für mich als Hochschullehrer erscheint mir diese Generation fast zu brav. Generell gehört es für junge Menschen dazu, die bestehenden Verhältnisse in Frage zu stellen. Wie könnte man ohne eine kritische Grundhaltung schließlich zu einem ernsthaften Gesprächspartner werden? Wir hatten in der späteren Nachkriegszeit natürlich ein klarer strukturiertes Umfeld. Die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit lief schleppend und mit viel Verlogenheit, gerade in konservativen Kreisen. Von dort schienen uns – nicht immer zu Unrecht – auch die Verfechter und Profiteure des Kapitalismus zu kommen, und das tunkte für uns die Verhältnisse in ein ziemlich rückwärtsgewandtes Licht. Da erschien irgendeine Art von revolutionärem Sozialismus die einzige Alternative zu sein, auch wenn dies ein ziemlich simpler Schluss war. Der hat uns auch gegenüber Hochschullehrern und Professoren deutlich kritischer und aufsässiger gemacht, als man das heute beobachtet. So einfach ist die Welt heute aber nicht mehr strukturiert. Deshalb weiß ich nicht genau, mit welcher Zielrichtung junge Menschen heute revolutionär werden könnten. Natürlich haben wir nach wie vor sehr grundsätzliche Probleme, wie den Klimawandel oder die nach wie vor drängenden Entwicklungsprobleme mit ihren grotesken Unterschieden in Lebensstandard und Lebenserwartung in den Regionen der Welt. Wenn das junge Leute nicht interessieren und zum Teil auch gegen die bestehenden Verhältnisse aufbringen würde, dann wäre das schon ein Krisensymptom.

Dennoch wünsche ich mir als Hochschullehrer heute vor allem, dass sich die jungen Menschen mit den Themen inhaltlich beschäftigen und zu verstehen versuchen, was die Ursachen sind und welche Lösungen es gibt. Aber das wünsche ich mir in meiner heutigen Rolle als Hochschullehrer, nicht mehr als Student. Und natürlich in einem ganz anderen Umfeld. Zu meiner frühen Jugendzeit hatten Proteste von Studierenden auf der Straße noch den Ruch des Staatszerstörerischen, den Protestlern selbst begegnete man oft mit Abscheu und Unverständnis, was man bis in die polizeilichen Strategien von damals beobachten kann. Die Bundesrepublik war halt noch jung und die Nazi-Zeit noch nicht so schrecklich lange her. Aber schon bis zu meiner Zeit als Student hatte sich das schon spürbar gewandelt.

 

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