Glyphosat – Segen oder Fluch? Chancen und Risiken für konventionelle Landwirte und Verbraucher

Der Betrieb von Focko Smit inmitten ostfriesischer Idylle

[Text von Janna Ringena, Fotos von Focko Smit]
Im letzten Herbst hat der Begriff „Glyphosat“ hohe Wellen geschlagen als Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) in Brüssel für eine Zulassung von weiteren fünf Jahren stimmte – und damit einer mit Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) vereinbarten Enthaltung zuwiderhandelte. Mittlerweile ist der Sturm in den Medien abgeflaut, während Glyphosat weiter über die Felder Deutschlands weht. Glyphosat – was ist das eigentlich? Warum wird es eingesetzt? Welche Vor- und Nachteile bringt es mit sich?

Das Feld wird gepflügt, bevor es mit Glyphosat behandelt wird.

Glyphosat – nicht zu verwechseln mit dem Geschmacksverstärker Glutamat – ist das am häufigsten eingesetzte Herbizid weltweit. In Deutschland werden 40 Prozent der Ackerflächen mit Glyphosat behandelt. Es fungiert als Unkrautvernichter und vernichtet sämtliche Pflanzen in den Böden – nur gentechnisch verändertes Saatgut überlebt.

Dieses Saatgut wird von der Firma Monsanto hergestellt, die Glyphosat in den 1970er Jahren entwickelt und patentiert hat. Sowohl das Herbizid als auch das Saatgut können lediglich von Monsanto erworben werden. Aus besagtem Saatgut wächst dann Getreide und Gemüse – allerdings nur einmal. Die gentechnisch veränderten Pflanzen sind unfruchtbar und können sich nicht vermehren, sodass neben dem Herbizid jeweils auch das Saatgut jede Saison neu erworben werden muss. Kritisiert wird in dem Zusammenhang, dass Monsanto ein Monopol innehat, von dem die Landwirtschaft sich abhängig macht.

Welche Vorteile aber zieht die Landwirtschaft aus dem Einsatz dieses Pestizids? Focko Smit ist konventioneller Landwirt und betreibt vorwiegend Milchwirtschaft. Außerdem ist er im Ackerbau tätig und erklärt, wie und warum er Glyphosat einsetzt:

Glyphosat – ein Segen?

Auf dem feuchten Marschboden Ostfrieslands seien insbesondere der Ackerfuchsschwanz und die Quecke als Unkräuter schwierig zu bekämpfen. Sie verdrängen das Getreide auf dem Acker wie auch das klassische Gras als nährstoffhaltiges Futter für die Kühe und wirken so ertragsbegrenzend. Eine für die Milchproduktion effiziente Fütterung benötige jedoch einen eiweißhaltigen Grasbestand. Vor der Saat von Getreide und Gras spritzt Herr Smit Glyphosat, das seiner Erfahrung nach effektivste und verträglichste Pflanzenschutzmittel. Beim Einsatz eines jeden Herbizids können nie alle Unkräuter abgetötet werden – diejenigen Pflanzen, die sich noch im Entwicklungsstadium befinden, überleben und müssen nachträglich bekämpft werden. Glyphosat habe den Vorteil, dass es im Vergleich zu anderen Herbiziden einen hohen Anteil der Pflanzen erfasse, sodass nachträglich weniger gespritzt werden müsse. Zudem sei es vergleichsweise umweltverträglich und weniger resistenzanfällig.

Glyphosat – ein Fluch?

Dennoch werden gegen einen Glyphosateinsatz vielerlei Bedenken angeführt. In der Öffentlichkeit am meisten bekannt ist hierbei die Studie der Weltgesundheitsorganisation, die Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft hat. Dem wird häufig entgegengesetzt, dass einerseits andere Studien[1] zu anderen Ergebnissen kommen und andererseits auch Alkohol und Zigaretten, Sonnenstrahlen und viele weitere Faktoren, mit denen wir täglich in Berührung kommen, krebserregend wirken können, deswegen aber dennoch nicht verboten werden.

Mähdrescher bei der Getreideernte

Abgesehen von der Frage, ob Glyphosat nun krebserregend ist oder nicht, können hier noch anderweitige „Nebenwirkungen“ genannt werden. Glyphosat vernichtet neben Unkraut auch Wildkräuter und Mikroorganismen, zum Beispiel Würmer, die einen essentiellen Lebensraum für Insekten bilden. Insekten dienen unter anderem als Nahrungsmittel für Vögel. Seit Ende der 1980er Jahre seien Wissenschaftlern zufolge die Zahl der Insekten in Deutschland um mehr als 75 Prozent zurück gegangen, bei den Vogelarten werden Rückgänge von 35 bis 80 Prozent verzeichnet [2]. Zwar tötet Glyphosat diese nicht unmittelbar, entzieht ihnen jedoch die Lebensgrundlage. Zudem findet Glyphosat seinen Weg ins Grundwasser und in die Gewässer – auf diese Weise bedroht es einerseits den Lebensraum von Amphibien und gelangt andererseits in den menschlichen Körper. Zusätzlich nehmen wir Glyphosat über gespritzte Lebensmittel auf, beispielhaft seien als verarbeitete Lebensmittel Brot und – für Studierende nicht unerheblich zu wissen – Bier genannt. Einer Langzeitstudie des Bundesumweltamtes zufolge haben rund 70 Prozent der Deutschen Glyphosat im Urin. Was aber macht Glyphosat mit unserem Körper?

Französische Wissenschaftler führten Experimente an Ratten durch, die umso mehr missgebildete Nachkommen hatten, umso mehr sie mit mit Glyphosat belastetem Futter gefüttert wurden. Untersuchungen der Universität in Rosario, Argentinien – dort wo ein großer Anteil des nach Europa exportierten Sojafuttermittels angebaut und mit Glyphosat gespritzt wird – ergaben, dass die Landbevölkerung, die vorwiegend im Agrarsektor tätig und in unmittelbarer Umgebung der Felder lebt, dreimal häufiger an Krebs erkrankt und viermal mehr behinderte Kinder gebärt als die Stadtbevölkerung. Zudem träten auffallend häufig Atemwegs- und Schilddrüsenerkrankungen sowie Schwangerschaftsabbrüche auf.[3]

Große Herausforderungen

Die Wahrscheinlichkeit, dass Glyphosat unseren Hormonhaushalt sowie unsere Darmflora negativ beeinflussen, ist hoch. Sicherlich löst sich dieses Problem nicht, wenn Glyphosat verboten und andere, vermeintlich noch schädlichere Pestizide zugelassen bleiben. Die Debatte um Glyphosat ist ausgeschweift, sodass letztendlich Glyphosat zum Sündenbock für die Industrialisierung der Landwirtschaft insgesamt, insbesondere im Hinblick auf chemische Pflanzenschutzmittel, gemacht wurde.

Die konventionelle Landwirtschaft ist derzeit abhängig vom Herbizid- und Pestizideinsatz, wenn sie nachhaltig und gewinnbringend wirtschaften möchte. Auch Herr Smit sieht wenig Chancen, ohne Glyphosat der Quecke und dem Ackerfuchsschwanz Herr zu werden und vergleichbar ertragreiches wie auch qualitativ hochwertiges Futter für die Kühe produzieren zu können. Bei einem gänzlichen Verbot wären die Landwirte gezwungen, Unkräuter zum Beispiel maschinell oder durch eine erhöhte Pflanzenvarietät auf den Feldern zu bekämpfen. Diese Methoden sind mit mehr Arbeitsaufwand verbunden, deutlich kostenintensiver und weniger effizient.

Die Milchkühe von Focko Smit profitieren von gutem Futter, insbesondere eiweißhaltigem Gras.

Die heutige Gesellschaft auf hohem Wohlstandsniveau muss sich die Frage stellen, ob gesunde unbelastete Lebensmittel auf dem Markt angeboten werden sollen, die dann allerdings teurer sind. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Landwirte, wenn sie umweltverträglich wirtschaften, angemessen entlohnt werden müssen. So gilt es für die Politik abzuwägen, ob sie es vorzieht, Verbraucher und Landwirte in ihrer Gesundheit zu beeinträchtigen oder sie finanziell zu belasten. Im Idealfall entscheidet sie sich stattdessen für eine finanzielle Unterstützung.

[1] Beispielhaft angeführt wird die Studie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, die laut SPIEGEL ONLINE in der Kritik stehe, da sie vermehrt mit Wissenschaftlern zusammenarbeite, die unmittelbar aus der Chemieindustrie rekrutiert werden. Zudem wird der Behörde vorgeworfen, sie habe sich von Monsanto beeinflussen lassen.

[2] Die Redaktion bezieht sich hier auf eine Studie, die in der Fachzeitschrift PlusOne veröffentlicht wurde, wie auch auf Aussagen von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts.

[3] Zu den Risiken von Glyphosat empfiehlt die Redaktion die Dokumentation „Chronisch vergiftet“ von Andreas Rummel, ARTE, zu finden auf YouTube.

 

 

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