Und wie schwer ist deine Lüge? Theaterrezension: Eine Art Liebeserklärung

Am 12.September feierte Neil LaButes Stück „Eine Art Liebeserklärung“ deutschsprachigen Premiere im Theater Münster. Ein 75 minütiger  Monolog. Was wir sonst nur aus der Vorlesung kennen und in der Stückbeschreibung eher abschreckend wirkt, entpuppt sich als Monolog voller Gedanken über Liebe und Gerechtigkeit sowie der Frage, was der oder die einzelne bereit ist, für den Erhalt einer Beziehung und seiner eigenen heilen Welt zu tun.

„Eine Art Liebeserklärung“ ist anders. Allein schon die Größe des Aufführungsraums im Keller des Theaters lässt keine Distanz zwischen dem Publikum und dem Stück zu. Noch während die Gäste die wenigen Plätze befüllen geht die Protagonistin Faye (gespielt von Carola von Seckendorff) umher und fängt Gespräche mit einzelnen Zuschauern an. Ob man die Geschichte von 23 Gramm kenne. So viel solle ja die Seele eines Menschen wiege. So beginnt das Stück bzw. der Monolog Fayes, einer Lehrerin, fließend. Der Zuschauer wird in ihren Monolog über die Beziehung zu ihrem Mann, die Affäre mit einem Schüler namens Thommy, unerfüllte Wünsche, Begierde und die Lüge ihres Lebens, hineingezogen.

„Wie viel wiegt eine Lüge? Das hat mich mal eine Schülerin gefragt.“ So startet Faye. Sie will berichten – oder sich rechtfertigen, sich die Last von der Seele reden. Diese Frau ist wie ein Fremder in der Bahn, der in deinem Abteil sitzt und dich mit seiner Lebensgeschichte zutextet. Nicht, weil du so sympathisch bist, sondern einfach, weil du gerade da bist. Das Publikum wird zum emotionalen Mülleimer dieser Lehrerin, die aus ihrer Rolle der Welterklärerin nicht rauskommt. Das Zuschauerraum ist ihre Klasse, der sie in dieser Unterrichtsstunde an ihrem eigenen Beispiel erklärt, wie viel Gramm eine Lüge, ihre Lüge, wiegt. Hierzu zeigt sie dem Publikum ihre tiefsten und intimsten Geheimnisse. Auch optisch, indem sie schriftlichen Beweise ihrer Affäre und Vertuschungsversuche wütend auf dem Theaterboden ausbreitet.

Wirkt Faye zu Beginn – bis auf die kurzen Momente, in denen sie sich über die Frage nach Gleichheit in Rage redet – noch gehemmt und reserviert, gewinnt die Rolle im Laufe des Stückes immer mehr an Selbstbewusstsein. Die Haare sind irgendwann dauerhaft aus dem strengen Lehrerinnen-Dutt gelöst. Sie flirtet offensiv mit dem Publikum, spricht die Zuschauer direkt an oder berichtet über den Penis ihres jungen Liebhabers, während sie einem Zuschauer über die Wange streichelt. Hier steht eine weiße Frau, die es immer allen Recht machen wollte, sich nur einmal genommen hat, was sie wollte und nun hin und hergerissen ist zwischen Schuldgefühlen und Triumph.

Wir sehen, wie ein Mensch sich immer weiter in ein Lügenkonstrukt verrennt, um doch alles haben zu können. Die Möglichkeit hierzu wird sich mit immer mehr kleinen Lüge erkauft. Doch irgendwann wird die Lüge zu groß und es ist vermeintlich nur noch eine Frage der Zeit, bis das Konstrukt zusammenbricht und die gerechte Strafe kommt.

Doch was ist hier eigentlich die Liebeserklärung, die der Titel verspricht?

Wie viel Gramm wiegt eine Lüge? Wer den Saal verlässt, kommt nicht drum herum, sich zu fragen, wie viel die eigenen kleinen und großen Lügen des Alltags wiegen.

 

Weitere Inszenierungen von „Eine Art Liebeserklärung“ (engl. Original: „All The Ways To Say I Love You?“)

September: 18.09, 22.09.; Oktober: 07.10, 28.10.; November: 06.11., 26.11

Schreibe einen Kommentar